GI-Radar 358: Ein Plädoyer für den Jugendschutz

 

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe geht es um lügende Chatbots, Informatik in der Schule in Hamburg, Einstellungen bei AirTags und eine neue Beschwerdestelle. Das Thema im Fokus beschäftigt sich mit dem – immer wieder kontrovers diskutierten Thema – Jugendschutz im Internet. In den GI-Mitteilungen informieren wir Sie über unsere Beteiligung am Journalismuspreis Informatik, unsere Webtalk-Serie zur Europawahl und den Endspurt der Ausschreibungen für Fellows und Junior-Fellows. Das Fundstück ist ein Spiel mit Spiegeln. 

Wir wünschen Ihnen viel Spaß mit dieser Ausgabe.

auf gi-radar.de weiterlesen

Lügende ChatBots + Pflichtfach Informatik in Hamburg + Überwachung durch AirTags + Beschwerdestelle zu Online-Diensten + Jugendschutz im Internet + Journalismuspreis Informatik + Webtalk-Serie zur Europawahl + Fellows 2024 und Junior-Fellows 2024 gesucht + Hidden Mirrors

KURZMITTEILUNGEN

Sicher, dass das KI-System die Wahrheit sagt? (NZZ). Eigentlich sollen sich KI-Systeme fair verhalten und weder lügen noch täuschen. Dass sie das jedoch durchaus tun, haben nun Forschungsgruppen aus dem MIT herausgefunden.  weiterlesen

Pflichtfach Informatik in Hamburg: Kritik aus der Kunstszene (taz). In Hamburg wird im Jahr 2025 Informatik als Pflichtfach eingeführt. Dafür kürzt die Schulbehörde die Stundenzahl für künstlerische Fächer. Nicht alle sind mit dieser Entscheidung zufrieden.  weiterlesen

AirTags: unerwünschtes Tracking unterbinden (ZEIT). Führende Hersteller von Tracking-Software müssen nachbessern. Mit den beliebten AirTags kann man nämlich nicht nur verlorene Dinge wiederfinden, sondern auch Personen überwachen. Dies soll nun erschwert werden.  weiterlesen

Ärger mit einem Online-Dienst? Meldung an Beschwerdestelle (netzpolik.org). Mitunter sind Online-Dienste-Anbieter schwer zu erreichen oder antworten nicht auf Beschwerden. Damit Nutzerinnen und Nutzer dies nicht unwidersprochen hinnehmen müssen, hat die Bundesnetzagentur eine Beschwerdestelle eingerichtet, wohin man sich mit seinem Anliegen wenden kann. Bei systematischen Verstößen drohen Online-Diensten hohe Geldbußen.  weiterlesen

THEMA IM FOKUS

Wilder Westen und kein Ende. Während der Corona-Pandemie spielte der „Schutz vulnerabler Gruppen“ eine zentrale Rolle. Damals mussten kaum Gefährdete, im Wesentlichen Junge und Gesunde, qua Verordnung erhebliche persönliche Einschränkungen hinnehmen, um für andere das Risiko einer Erkrankung und des damit verbundenen potentiellen (persönlichen und gesamtgesellschaftlichen) Schadens zu minimieren. Die Aufarbeitung der Maßnahmen, insbesondere ihrer Verhältnismäßigkeit und des gesamtgesellschaftlichen Nutzens, muss erst noch stattfinden [Kommentar: Es wäre ein Fehler, die Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen zu verschleppen (handelsblatt.com)]. Man kann aber wohl jetzt schon konstatieren, dass insbesondere junge Menschen die Leidtragenden waren [Deutscher Bundestag - Heftiger Streit über das Krisenmanagement in der Corona-Pandemie] und damit zu einem erheblichen Teil der Personenkreis, für den in unseren Gesetzen eine besondere Schutzwürdigkeit verankert ist. Auf der anderen Seite muss man konzedieren, dass wohl niemand – auch rückblickend nicht — die politische Verantwortung für das Leiden hunderttausender Gefährdeter und ihrer Angehörigen hätte übernehmen wollen. Ein klassisches Dilemma also.

Ein vergleichbares Dilemma ergibt sich beim Schutz verletzlicher Gruppen vor den Gefährdungen, die das Medium Internet mit sich bringt. Allerdings scheint hier das Argument, das staatliches Handeln bestimmt, der Schutz der Freiheit der Starken zu sein, während der Schutz Schwacher im Wesentlichen Privatsache ist, nämlich bei Kindern und Jugendlichen in der Verantwortung ihrer Eltern und bei Menschen mit eingeschränkter Urteilsfähigkeit in der ihrer Betreuung liegt. Angesichts der Komplexität der Materie, der technischen Herausforderungen und des ständig mutierenden Gefahrenbildes (wie etwa bei [Pornoplattform: xHamster umgeht Sperre der Medienaufsicht - Golem.de] oder [Kommission eröffnet Verfahren gegen TikTok im Rahmen der DSA wegen der Einführung von TikTok Lite in Frankreich und Spanien und teilt ihre Absicht mit, das Belohnungsprogramm in der EU auszusetzen. | Gestaltung der digitalen Zukunft Europas]) stellt dies jedoch eine systematische Überforderung dar. Die Folge ist, dass Hunderttausende Schutzbefohlene de facto ungeschützt bleiben — nicht etwa, weil man sie nicht schützen könnte, sondern weil der Preis, den ein wirksamer, staatlich verordneter Schutz kosten würde, nicht gezahlt werden soll. Wir wollen doch nicht leben wie in China [China: China bedroht das freie Internet (freiheit.org)] oder Russland, oder? Genau. Ende der Diskussion.

Wir sollten eine derart verkürzte, der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung entbehrende Argumentation nicht hinnehmen. War das Internet in seinen Anfängen ein Ort der idealen Freiheit, die vielleicht sogar schützenswert gewesen wäre, so hat es jedoch längst unübersehbar und unumkehrbar seine Unschuld verloren. Dies ist wenig überraschend, denn überall, wo sich viele Menschen tummeln, kommen es schnell zu Schädigungen. Deswegen gibt es Gesetze und Strafen, mit denen diese durchgesetzt werden können. Jedoch sind es bislang vor allem Starke, die diese für sich zu nutzen wissen: Man denke etwa an das schnelle Ende von Napster im Jahr 2001 [Napster (Online-Musikdienst) – Wikipedia] oder an aktuelle Klagen gegen Urheberrechtsverletzungen durch maschinelles Lernen [Milliardenklage gegen Google wegen Daten für Künstliche Intelligenz (handelsblatt.com)]. Was ist aber mit denen, die sich nicht selbst wehren können und die deswegen starke Vertreter brauchen? Hier setzt der Staat lieber auf Aufklärung [klicksafe.de: Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz,  BSI - Risiken und Schutzmaßnahmen für Kinder im Internet (bund.de)] und ignoriert dabei geflissentlich, dass viele Schutzwürdige eben gerade nicht zum Selbstschutz fähig sind. Oder warum gibt es eine Werbekategorie „fragile seniors“ [37C3 - Die Akte Xandr: Ein tiefer Blick in den Abgrund der Datenindustrie (youtube.com)]? Hilft hier nicht nur noch ein Verbot personalisierter Werbung [Werbeindustrie: Hilft nur ein Verbot personalisierter Werbung? - Golem.de]?

Anstatt jedoch dem Schutz Schutzwürdiger den Stellenwert zu geben, den er in einem sozialen Staat qua Definition haben muss, wird er mit wirtschaftlichen Argumenten relativiert. So wird schon in der analogen Welt die Verhinderung von Werbeverboten im Kinder-TV-Programm von der Öffentlichen Hand mit wirtschaftlichen Argumenten gerechtfertigt [Kinderfernsehen und Werbung | Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West | bpb.de]; den Rest erledigen private Lobbyverbände [Kinderwerbung: Wie die Lobby versucht, Beschränkungen zu sabotieren (wiwo.de)]. Angesichts dieser Prioritätensetzung ist wenig überraschend, wohin die Reise im Digitalen geht: Anstatt beispielsweise Influencer und ihre Auswirkungen auf körperliche und geistige Gesundheit infrage zu stellen, werden sie als Wirtschaftsfaktor umarmt [Investition in die Zukunft: Wie Influencer erschwinglich werden (idw-online.de)] und ihre Aktivitäten unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit geschützt [Urteil über Werbung auf Instagram: Cathy Hummels bekommt Recht - taz.de]. Wie zitierte doch unlängst ein europäischer Präsident vor dem Deutschen Bundestag unser Land: „Es geht hier aber um die Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“ [Deutscher Bundestag - Ansprache des Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, im Deutschen Bundestag].

Die Frage, der wir uns alle stellen müssen, ist: Sind wir mit den herrschenden Verhältnissen einverstanden oder wollen wir sie ändern? Falls letzteres der Fall ist: Wie weit sind wir bereit zu gehen? Wollen wir nicht nur feststellen, dass sämtliche Einwilligungserklärungen von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren schwebend unwirksam sind [Art. 8 DSGVO – Bedingungen für die Einwilligung eines Kindes in Bezug auf Dienste der Informationsgesellschaft - Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) (dsgvo-gesetz.de)], sondern sind wir auch bereit, unsere eigene Anonymität im Internet zumindest gegenüber Dienstanbietern aufzugeben und Identifikationsverfahren zu verwenden, um aus einer schwebenden eine Unwirksamkeit (und aus deren Missachtung eine strafbare Handlung) zu machen? Welche und wie viel von unseren Freiheiten wären wir überhaupt bereit aufzugeben, um Schwächeren den Schutz zuteilwerden zu lassen, der ihre Unversehrtheit und Würde wahrt? Ist es nicht an der Zeit, die ständige Vertagung dieser Fragen zu beenden und endlich zu handeln?

Dieser Text wurde von GI-Präsidiumsmitglied Friedrich Steimann beigesteuert und ist im Kontext eines in Bildung befindlichen Arbeitskreises zum Thema „Gefährdung und Schutz im Internet“ entstanden. Vielen Dank!

GI-MELDUNGEN

Journalismuspreis Informatik mit Beteiligung der GI. Seit diesem Jahr ist die GI Partnerin des Journalismuspreises Informatik des Saarlandes. GI-Fellow Fellow Münch hat nun als Teil der Jury an der Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger mitgewirkt und den Sieger in der Kategorie „Text“ Holger Fröhlich vom Magazin „brandeins“ mitgekürt. weiterlesen

GI-Webtalk Serie zur Europawahl. Bis zur Europawahl am 9. Juni veranstaltet die GI eine Serie an Webtalks zu unterschiedlichen informatischen Fragen. Hier können Sie sich bei Fachleuten informieren, welche politischen Themen im Raum stehen und wie diese einzuordnen sind.  weiterlesen

GI-Fellows 2024: Ihre Ideen? Wie in jedem Jahr freut sich der Auswahlausschuss für die GI-Fellows über Vorschläge aus der Mitgliedschaft, welches GI-Mitglied sich in besonderer Weise um die GI und/oder die Informatik im Allgemeinen verdient gemacht hat. Wir zeichnen GI-Mitglieder mit einer besonderen Geschichte aus und stellen diese im Rahmen der INFORMATIK 2024 vor. Details zur Nominierung (bis zum 25. Mai) gibt es hier.  weiterlesen

Lust auf den exklusiven Zirkel der Junior-Fellows? Jetzt bewerben. Die GI-Junior-Fellows besetzen innerhalb der GI mittlerweile viele herausragende Positionen und wirken so an der Arbeit an und mit der GI mit. Sie finden sich im Vorstand und leiten die GI-Radar-Redaktion, geben LNI-Reihen heraus, initiieren eigene Projekte und mischen das Präsidium auf. Wir sind auf der Suche nach jungen Informatik-Talenten, die sich bereits profiliert haben und daran interessiert sind, in der GI aktiv mitzumachen. Bewerbungs- bzw. Nominierungsschluss ist der 25. Mai.  weiterlesen

 

Kennen Sie eigentlich den GI-Pressespiegel? Dort sammeln wir die Berichterstattung über unsere Fachgesellschaft in Zeitungs-, Radio- und Fernsehbeiträgen. Schauen Sie rein, es gibt da immer wieder Neues oder auch ältere Fundstücke.

FUNDSTÜCK

Wie gut ist Ihr räumliches Denkvermögen? Entdecken Sie Hidden Mirrors, ein Online-Spiel, in dem Sie Blöcke spiegeln müssen, um komplexe Rätsel zu lösen. Jeder Level stellt Ihre Problemlösungsfähigkeiten und Ihr räumliches Denken auf die Probe. Meistern Sie die Kunst des Spiegelns.  Zum Fundstück (hidden-mirrors.com, engl.)

Welches Fundstück hat Sie zuletzt inspiriert? Senden Sie uns Ihre Ideen!

 

Dies war Ausgabe 358 des GI-Radars vom 17.05.2024. Zusammengestellt hat diese Ausgabe Dominik Herrmann, der sich darüber freuen würde, die Diskussion über den richtigen Weg beim Jugendschutz in einer der nächsten Ausgaben fortzusetzen. GI-Geschäftsführerin Cornelia Winter hat die Mitteilungen und Meldungen zusammengetragen. Das Team vom GI-Radar verabschiedet sich mit dieser Ausgabe in den Kurzurlaub. Das nächste Radar erscheint daher erst am 14. Juni.

Im GI-Radar berichten wir alle zwei Wochen über ausgewählte Informatik-Themen. Wir sind sehr an Ihrer Meinung interessiert. Für Anregungen und Kritik haben wir ein offenes Ohr, entweder per E-Mail (redaktion@gi-radar.de) oder über das Feedback-Formular bei SurveyMonkey. Links und Texte können Sie uns auch via X unter @informatikradar zukommen lassen.