GI-Radar 396: Anthropomorphisierung der Künstlichen Intelligenz

 

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe geht es um Menschen, die nicht im Netz sind, den Wettlauf von Ländern und Unternehmen um eine Spitzenposition bei KI-Modellen, die Maschinengesellschaft und noch einmal um ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Das Thema im Fokus beleuchtet, wie Programme und Maschinen vermenschlicht werden und was das bedeutet. In den GI-Mitteilungen weisen wir Sie auf ein Fachgespräch zur Rolle der Hochschulen für angewandte Wissenschaften mit unserem Präsidenten Martin Wolf hin, berichten über das erste „MeetGI“-Treffen der GI-Neumitglieder mit GI-Aktiven und haben die Registrierung für unser Informatikfestival in Dresden geöffnet. Das Fundstück zeigt, dass Technik Menschen mit bestimmten Nachnamen benachteiligt – haben Sie schon eine Idee, um welchen Namen es geht?

Wir wünschen Ihnen viel Spaß mit dieser Ausgabe.

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Offline in Deutschland + Wettlauf der KI-Modelle + Maschinengesellschaft + Petition zu Social Media + Anthropomorphisierung von Maschinen und Algorithmen + Rolle der HAWs + MeetGI + Informatikfestival 2026: Tickets + Diskriminierung von Null-Namen

KURZMITTEILUNGEN

Drei Prozent der Menschen in Deutschland sind offline (Spiegel). Können Sie sich ein Leben ohne Internet vorstellen? Drei Prozent der in Deutschland lebenden Menschen offenbar schon: Sie waren noch nie online, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Damit hat sich die Zahl der der Menschen ohne Internetzugang in Deutschland seit 2021 halbiert. Laut einer Studie der Initiative D21 lehnen insgesamt 15 % der Bevölkerung in Deutschland die Nutzung des Internets ab.  weiterlesen

Spitzen-KI: Wettlauf und Vorwürfe (NZZ). Das eine Unternehmen wirft dem anderen unlauteren Wettbewerb vor, manche werden von Regierungsaufträgen ausgeschlossen, wieder andere haben den Wettlauf um eine uneinholbare KI bereits aufgegeben. Das Ringen um die Führung bei den KI-Modellen ist längst ein globales Rennen.  weiterlesen

Moltbook als Gesellschaft der Maschinen und Veränderung von sozialen Interaktionen (taz). In den letzten beiden Ausgaben unseres GI-Radars haben wir von unserem Experiment auf Moltbook berichtet und waren nicht vollends überzeugt. In der Soziologie und der Betriebswirtschaft schaut man möglicherweise anders auf die Maschinengesellschaft als wir: Bots agieren nicht emotional. Sollten also künftig immer mehr Menschen beispielsweise ihren Einkauf an Bots delegieren, könnten Werbung, Schnäppchenkultur und Cookies irgendwann ausgedient haben  weiterhören

Petition zu Social-Media-Verbot (ZEIT). Nachdem sich in den letzten Wochen mehrere Parteien für ein Social-Media-Verbot für Kinder unterhalb eines bestimmten Alters ausgesprochen haben, unterstützen im Netz bereits rund 150.000 Personen eine Petition, die ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 fordert. Die Petition geht damit über die von den Parteien geforderte Altersgrenze von 14 Jahren hinaus. Sie richtet sich an Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU).  weiterlesen

THEMA IM FOKUS

Anthropomorphisierung der Künstlichen Intelligenz. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Menschen sind „Augentiere“ – was wir sehen, hat für uns unmittelbare Beweiskraft. Demgegenüber muss die Sprache oft zurückstehen; das Geschriebene oder Gesprochene ist selten so unmittelbar wie der direkte Sinneseindruck.

Die Metapher als Brücke. Um komplexe Sachverhalte in der Kommunikation zu verdeutlichen, ist der Rückgriff auf Metaphern nahezu unumgänglich. Diese Sprachbilder orientieren sich meist an zwischenmenschlichen Erfahrungen, da hier das größte gemeinsame Verständnis vorausgesetzt werden kann. Auch bei Large Language Models (LLMs) werden diese Brücken der Anthropomorphisierung intensiv genutzt (kit.edu): Begriffe wie „nachdenken“, „verstehen“ oder „halluzinieren“ helfen dabei, die Systemleistung greifbar zu machen, ohne das „Wesen“ der Maschine mit dem des Menschen gleichzusetzen.

Der ELIZA-Effekt: Projektion statt Interaktion. Diese Tendenz zur Vermenschlichung ist kein neues Phänomen. Bereits in den 1960er-Jahren beschrieb Joseph Weizenbaum mit dem ELIZA-Effekt (bauvolution.deheise.de), wie Nutzer einem simplen regelbasierten Skript menschliche Eigenschaften und tiefes Verständnis unterstellten, sobald die Interaktion eine gewisse Form wahrgenommener Empathie erreichte. Es zeigt sich: Menschen projizieren Sinn oft dorthin, wo eigentlich nur Code abläuft (youtube.com).

In der Informatiklehre oder im fachlichen Austausch wird daher oft bewusst auf eine rein technische Beschreibung zurückgegriffen, wie etwa:

„Das Modell berechnet auf Basis einer Transformer-Architektur die stochastische Wahrscheinlichkeit für die nächste Token-Abfolge, optimiert durch Reinforcement Learning aus menschlichem Feedback.“

Eine solche Sprache ist zwar präzise, für die alltägliche Kommunikation jedoch oft zu sperrig. Daher wird pragmatisch formuliert: „Die KI hat die Eingabe verstanden.“ Dabei bleibt innerhalb der Fachwelt klar, dass hier ein fundamentaler Unterschied zwischen Intention und Statistik besteht. Während menschliches Verstehen auf einer bewussten Absicht (Intention) und Weltwissen basiert, operiert die KI im Raum der Korrelationen. Sie „versteht“ nicht den Sinn, sondern die mathematische Struktur der Sprache.

Das Risiko der Vermenschlichung. Bereits der Begriff der „Künstlichen Intelligenz“ reflektiert eine zutiefst menschliche Eigenschaft und stellt streng genommen eine Anthropomorphisierung dar (kwa-ekd.de). Aus der Verwendung dieser bildhaften Sprache entstehen jedoch Risiken (erwachsenenbildung.at). Problematisch wird es dort, wo Nutzende eine echte – wenn auch einseitige – emotionale Beziehung zu Chatbots aufbauen. Wenn Algorithmen als empathische Gegenüber missverstanden werden, entstehen Gefahren für das Individuum und die Gesellschaft.

Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand ist KI-Systemen ein Bewusstsein ausdrücklich abzusprechen. Auch die Idee einer „starken KI“ oder AGI mit Bewusstsein erscheint absehbar unrealistisch. Aktuelle Systeme verfügen weder über intrinsische Zielsetzungen noch über ein eigenständiges, semantisch geerdetes Weltmodell oder einen echten Selbstbezug. Ihre Leistungsfähigkeit beruht auf der Optimierung formaler Zielgrößen über erlernte statistische Regularitäten – nicht auf Intentionalität, Autonomie oder phänomenalem Erleben.

Die Facetten menschlicher Intelligenz gehen weit über Mustererkennung und die Simulation logisch wirkender Schlussfolgerungen hinaus; sie umfassen Motivation, verkörperte Erfahrung und soziale Einbettung. Solange diese grundlegenden Eigenschaften technisch nicht realisierbar sind, bleibt Bewusstsein kein graduell erreichbarer Skaleneffekt, sondern eine kategorial andere Eigenschaft (arxiv.org).

Fazit. Die Aufgabe der Fachwelt ist es, Technik von Mythos zu trennen. Die KI ist ein mächtiges Werkzeug, das sich fundamental vom Menschen unterscheidet. Um dieses Werkzeug sinnvoll und nachvollziehbar zu erklären, müssen die Möglichkeiten der metaphorischen Sprache weiterhin ausgeschöpft werden – jedoch stets mit dem notwendigen Hinweis auf den technologischen, statistischen Kern.

Wir danken Dr. Karl Teille, der diesen Beitrag verfasst hat. Er ist Referent für Künstliche Intelligenz in derEvangelischen-Agentur der ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Sprecher der Regionalgruppe der GI in Braunschweig/Wolfsburg und im Wirtschaftsbeirat der GI. Er hält Vorlesungen an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und an der Technischen Universität in Sofia über „Ethische Herausforderungen im Digitalen Zeitalter“ sowie an der Technischen Universität Braunschweig über „Steuerung großer IT-Projekte“. Teille war 20 Jahre Manager im VW-Konzern und verantwortete u.a. Projekte zur Einführung von KI.

GI-MELDUNGEN

Fachgespräch zur Rolle der Hochschulen für angewandte Wissenschaften in der deutschsprachigen Informatik-Landschaft. Am 10. März um 13:30 Uhr laden Fachbereiche an HAWs zum virtuellen Austausch mit GI-Präsident Martin Wolf ein. Gemeinsam mit Erik Kamsties und Gabriele Kunau von der FH Dortmund diskutieren wir die Bedeutung der HAWs für Lehre, Transfer und Curricula, sowie ihre strukturelle Verankerung innerhalb der GI. Anmeldung erbeten.  weiterlesen

MeetGI – ein virtuelles Kennenlernen für (fast) Neumitglieder. Anfang der Woche haben wir zum ersten Mal ein virtuelles Treffen von interessierten Neumitgliedern mit GI-Aktiven angeboten. Vorgestellt haben wie Anknüpfungsmöglichkeiten in Fach-, Regional- und Hochschulgruppen, haben Ideen gesammelt, wie und wo sich Mitglieder gerne in der GI einbringen würden und und welche Wünsche sie an die GI haben. Gut 30 Mitglieder sind unserer Einladung gefolgt.  weiterlesen

Informatikfestival 2026 in Dresden: Registrierung geöffnet. Seit dieser Woche ist die Registrierung für unser Informatikfestival in Dresden geöffnet. Unter dem Motto „Digitale Resilienz“ widmen wir uns vom 22.-25. September 2026 Fragen rund um aktuelle informatische Themen – in Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden. Frühbuchertickets gibt es bis zum 31. Mai.  weiterlesen

 

Kennen Sie eigentlich den GI-Pressespiegel? Dort sammeln wir die Berichterstattung über unsere Fachgesellschaft in Zeitungs-, Radio- und Fernsehbeiträgen. Schauen Sie rein, es gibt da immer wieder Neues oder auch ältere Fundstücke.

FUNDSTÜCK

Diskriminierung von Null-Namen. Wer den Nachnamen „Null“ trägt, hat es im digitalen Alltag nicht leicht: In vielen Computersystemen steht „Null“ für „kein Wert“ – und sorgt damit regelmäßig dafür, dass Formulare, Visa-Anträge oder Hotelbuchungen schlicht nicht funktionieren. Ein Meteorologe bucht Hotels inzwischen unter falschem Namen, eine Designerin verpasste beinahe eine Hochzeit in Indien, und ein Sicherheitsforscher mit dem Kennzeichen „NULL“ erhält seit Jahren fremde Strafzettel aus dem ganzen Land. Erfunden wurde Null übrigens von Turing-Preisträger Tony Hoare, der die Entscheidung selbst als seinen „Milliarden-Dollar-Fehler“ bezeichnet hat.  Zum Fundstück (futurism.com)

Welches Fundstück hat Sie zuletzt inspiriert? Senden Sie uns Ihre Ideen!

 

Dies war Ausgabe 396 des GI-Radars vom 6. März 2026. Zusammengestellt hat diese Ausgabe Dominik Herrmann, der beim Lesen über den Nachnamen „Null“ froh war, dass „Herrmann“ bislang nur das Problem der Frage „ein oder zwei R?“ verursacht – aber bisher kein einziges Computersystem zum Absturz gebracht hat. Die Kurzmitteilungen und die GI-Meldungen hat GI-Geschäftsführerin Cornelia Winter zusammengetragen. Das nächste Radar erscheint am 20. März 2026.

Im GI-Radar berichten wir alle zwei Wochen über ausgewählte Informatik-Themen. Wir sind sehr an Ihrer Meinung interessiert. Für Anregungen und Kritik haben wir ein offenes Ohr, entweder per E-Mail (redaktion@gi-radar.de) oder über das Feedback-Formular bei SurveyMonkey.