GI-Radar 401: Roboterakzeptanz in Ost und West

 

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe geht es um die Entwicklung der Cyberkriminalität in Deutschland, wie man frei fliegenden Drohnen möglicherweise Herr wird und dass nicht nur Kleiderschränke, sondern auch Smartphones ab und zu aufgeräumt werden sollten. Das Thema im Fokus analysiert Unterschiede in der Roboterakzeptanz zwischen Ost und West. In den GI-Mitteilungen finden Sie einen Bericht über das Jahrestreffen der Regionalgruppen in Aachen, einen Aufruf zur Einreichung von Vorschlägen für den Softwarepreis unserer Fachgruppe TAV, die Meldung zum Journalismuspreis Informatik und die Einladung zum zweiten Teil unserer Ehrenamts-Academy.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß mit dieser Ausgabe.

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Cyberkriminalität + Drohnenabwehr + Frühjahrsputz auf dem Smartphone + Roboter in Ost und West + Jahrestreffen der Regionalgruppen + Deutscher Preis für Softwarequalität + Journalismuspreis Informatik + Ehrenamts-Academy + Clues by Sam

KURZMITTEILUNGEN

Cyberkriminalität nimmt zu (ZEIT). Laut einer Studie des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) ist die Cyberkriminalität im letzten Jahr gestiegen. Nach 7 Prozent im Jahr 2024 lag der Anteil der Betroffenen 2025 bei 11 Prozent. Neben finanziellen Verlusten beim Online-Einkauf und Online-Banking war Phishing ein weiteres großes Feld bei den gemeldeten Vorfällen. Allerdings meldet nur rund ein Drittel der Betroffenen den Angriff der Polizei.  weiterlesen

Drohnenbekämpfung mit Ketten (Golem). Immer wieder gibt es Nachrichten, dass Drohnen beispielsweise Flughäfen lahmlegen oder vermeintlich Anlagen ausspionieren. Professionelle Drohnenabwehrsysteme sind teuer und damit nicht flächendeckend einsetzbar. Am KIT in Karlsruhe wird nun experimentiert, wie sich Drohnen mit mechanischen Mitteln unschädlich machen lassen. Unter anderem kommen Ketten zum Einsatz, die Drohnen umschlingen und vom Himmel holen sollen.  weiterlesen

Frühjahrsputz – Smartphone aufräumen (Computerwoche). Mal ehrlich: Wie bunt ist der Startbildschirm Ihres Smartphones? Und wie viele Apps finden sich auf den Seiten 2, 3 und weiter hinten? Und welche dieser Apps nutzen Sie regelmäßig? Erfahrungsgemäß sammelt sich viel an, ausgemistet wird aber selten. Um Speicherplatz freizugeben und die Sicherheit zu erhöhen, sollte man ab und zu das eigene Smartphone entrümpeln.  weiterlesen

 

 

THEMA IM FOKUS

Technologische Entwicklung ist immer auch eine Kulturfrage. Warum Robotik in Ostasien anders gedacht wird als im Westen. Als Boston Dynamics Mitte der 2000er-Jahre erste Videos seiner Laufroboter veröffentlichte, war die Reaktion im Westen gleichermaßen von Faszination und Unbehagen geprägt. Die Maschinen bewegten sich schnell, wirkten kraftvoll und beinahe aggressiv. Besonders Systeme wie BigDog oder frühe Versionen des humanoiden Roboters Atlas erinnerten viele Beobachter eher an militärische Technologien als an zukünftige Alltagshelfer. Sichtbare Hydraulik, schwere Metallstrukturen und ein martialisches Auftreten erzeugten unweigerlich Assoziationen zu Science-Fiction-Dystopien wie Terminator oder Matrix.

Technisch waren diese Systeme beeindruckend. Gesellschaftlich wurden sie jedoch oft mit Skepsis betrachtet. In öffentlichen Debatten dominierten Fragen nach Arbeitsplatzverlust, Überwachung und Kontrollverlust. Roboter erschienen vielen Menschen weniger als Unterstützung denn als Konkurrenz.

Die öffentliche Wahrnehmung dieser Systeme zeigte sich auch in den Medien. Heise online bezeichnete Atlas 2013 plakativ als „Rettungs-Terminator“ – ein gutes Beispiel dafür, wie stark Robotik im Westen häufig mit dystopischen Zukunftsbildern verbunden wird (heise).

Im asiatischen Raum, insbesondere in Japan, entwickelte sich dagegen ein völlig anderes Bild.

Bereits im Jahr 2000 stellte Honda mit ASIMO einen humanoiden Roboter vor, der bewusst nicht bedrohlich wirken sollte. ASIMO war klein, leicht und erinnerte optisch eher an einen freundlichen Astronauten oder eine Kinderfigur als an eine Maschine aus einem Militärlabor. Der Roboter konnte laufen, Treppen steigen, Menschen begrüßen oder sogar mit einem Ball spielen. Als Barack Obama Jahre später gemeinsam mit ASIMO Fußball spielte, wirkte dies weniger wie eine Maschinenvorführung als wie die Begegnung mit einem sympathischen technischen Begleiter.

Eine NHK-Dokumentation über die Entwicklung von ASIMO zeigt sehr eindrucksvoll, wie bewusst Honda den Roboter als gesellschaftlichen Begleiter und nicht als reine Maschine verstand (YouTube).

Dieser Unterschied ist bemerkenswert. Technisch verfolgen westliche und ostasiatische Robotiklabore häufig ähnliche Ziele: bessere Bewegungssteuerung, leistungsfähigere Sensorik, autonome Navigation oder menschenähnliche Interaktion. Die Unterschiede liegen daher weniger in der Funktionalität als vielmehr in der gesellschaftlichen Einbettung und der kulturellen Wahrnehmung solcher Systeme.

Technologische Entwicklung ist nie nur Technik. Sie ist immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Werte und kultureller Vorstellungen.

Während westliche Gesellschaften Robotik historisch stark mit Rationalisierung und Automatisierung verbinden, wird sie in Japan häufig stärker als unterstützende Technologie verstanden. Das hat auch historische Gründe. Die Industrialisierung Europas und Nordamerikas war eng mit dem Ersatz menschlicher Arbeit durch Maschinen verbunden. Technischer Fortschritt bedeutete daher oft auch soziale Unsicherheit. Genau diese Entwicklung zeigt sich heute erneut in der Debatte um Künstliche Intelligenz.

Bis heute spiegelt sich diese Erfahrung in westlicher Popkultur wider. Filme wie Terminator, Blade Runner oder Ex Machina erzählen selten Geschichten über harmonische Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Stattdessen erscheinen intelligente Systeme häufig als Bedrohung menschlicher Kontrolle und Autonomie. Auch in Deutschland zeigt sich diese Skepsis deutlich: Während industrielle Automatisierung weitgehend akzeptiert ist, werden humanoide oder soziale Robotersysteme häufig noch als befremdlich wahrgenommen.

Japan entwickelte dagegen früh eine andere kulturelle Beziehung zu Robotern. Figuren wie Astro Boy oder zahlreiche Mecha- und Anime-Produktionen zeigen humanoide Maschinen häufig nicht als Feinde, sondern als Beschützer oder Partner des Menschen. Roboter werden dort stärker als Teil der Gesellschaft gedacht.

Bereits frühe Arbeiten zur Mensch-Roboter-Interaktion beschäftigten sich mit den kulturellen Unterschieden in der Wahrnehmung von Robotern (DOI).

Auch politische und demografische Entwicklungen verstärkten diese Perspektive. Angesichts einer alternden Gesellschaft und eines zunehmenden Fachkräftemangels investierte Japan früh und umfangreich in Pflege- und Assistenzrobotik. Bereits 2014 beschrieb Jennifer Robertson, dass Japan sich zunehmend als „robot-dependent society“ versteht. Roboter galten dort nicht nur als technische Innovation, sondern zunehmend als gesellschaftliche Lösung (DOI).

Die Gründe für diese Unterschiede sind komplex. Eine mögliche Erklärung liegt in unterschiedlichen kulturellen und religiösen Weltbildern. Westliche Gesellschaften wurden historisch stark von jüdisch-christlichen Traditionen geprägt, die häufig deutlicher zwischen Mensch, Natur und Objekt unterscheiden. Autonome künstliche Wesen erscheinen dadurch schneller als Grenzüberschreitung.

Im Shintoismus und in Teilen buddhistisch geprägter Kulturvorstellungen findet sich dagegen eher die Vorstellung, dass auch nicht-menschliche oder menschengemachte Objekte eine spirituelle Essenz besitzen können. Dadurch wirkt die Grenze zwischen Mensch und Maschine weniger scharf gezogen als in vielen westlichen Denktraditionen.

Hinzu kommen Unterschiede in Kommunikations- und Gesellschaftsstrukturen. Während viele westliche Kulturen stärker individualistisch geprägt sind, betonen viele ostasiatische Gesellschaften stärker Harmonie und soziale Integration. Robotik wird dadurch weniger als Konkurrenz zum Menschen verstanden, sondern eher als Erweiterung gesellschaftlicher Strukturen. 

Eine vertiefende wissenschaftliche Betrachtung kultureller Unterschiede in der Mensch-Roboter-Interaktion findet sich hier: acm.org.

Gerade heute zeigt sich die Bedeutung dieser kulturellen Unterschiede besonders deutlich. Während amerikanische Technologiekonzerne derzeit vor allem die generative KI prägen, investieren asiatische Staaten gleichzeitig massiv in humanoide Robotik und deren gesellschaftliche Integration. China demonstriert inzwischen öffentlich humanoide Roboter bei Sportveranstaltungen oder Industrieanwendungen. Japan entwickelt weiterhin soziale Assistenzsysteme für Alltag und Pflege.

Gleichzeitig bedeutet gesellschaftliche Akzeptanz nicht automatisch einen unkritischen Umgang mit Technologie. Auch in asiatischen Gesellschaften existieren Debatten über Überwachung, soziale Kontrolle und eine zunehmende Abhängigkeit von technischen Systemen. Dennoch scheint dort die grundsätzliche Bereitschaft größer zu sein, Roboter als Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags zu akzeptieren.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, welche Region technologisch führend ist. Spannender ist vielmehr, welche Gesellschaften bereit sind, solche Technologien tatsächlich in ihren Alltag zu integrieren.

Denn Akzeptanz entsteht nicht allein durch technische Leistungsfähigkeit. Sie entsteht durch kulturelle Vorstellungen darüber, welche Rolle Technik im menschlichen Leben spielen soll.

Vielleicht verrät die unterschiedliche Wahrnehmung von Robotern deshalb letztlich weniger über Maschinen – sondern mehr darüber, wie Gesellschaften den Menschen selbst verstehen. Am Ende lautet die Frage nicht, ob Roboter Teil unserer Gesellschaft werden. Die eigentliche Frage ist, welche Rolle wir ihnen darin geben wollen.

Diesen Beitrag hat Alexander Julian Golkowski geschrieben. Er hat Robotik studiert und beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen humanoider Robotik und Künstlicher Intelligenz. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Technik, Gesellschaft und Kultur. Darüber hinaus ist er als Interim-Manager und selbstständiger Unternehmer tätig und leitet die GI-Regionalgruppe Ruhrgebiet. Vielen Dank!

GI-MELDUNGEN

Neuer Schwung für die Regionalgruppen. Am vergangenen Wochenende haben sich auf Einladung von Manfred Nagl rund 20 Leitungen von Regionalgruppen der GI und des German Chapter of the ACM in Aachen getroffen und sich über die Stabilisierung der bestehenden Regionalgruppen und den Aufbau neuer Regionalgruppen ausgetauscht. Neben Diskussionen über Themen und Tools ging es auch darum, wie wir in bislang weniger abgedeckten Regionen neue Regionalgruppen gründen können.  weiterlesen

DPSQ 2026: Aufruf zur Einreichung von Vorschlägen. Auch in diesem Jahr vergeben die GI-Fachgruppe TAV, der ASQF und das GTB gemeinsam den „Deutschen Preis für Software-Qualität“. Bis zum 15. Juni 2026 können Personen, Personengruppen, Initiativen oder Institutionen vorgeschlagen werden, die sich in besonderer Weise für die Qualität von Software eingesetzt oder sich darum verdient gemacht haben. Das Kuratorium freut sich über viele Nominierungen.  weiterlesen

Journalismuspreis Informatik verliehen. Der Journalismuspreis Informatik wird mit Unterstützung der GI vom saarländischen Wirtschaftsministerium gemeinsam mit dem Saarland Informatics Campus vergeben. Prämiert werden journalistische Beiträge, die Informatikthemen über Fachkreise hinaus verständlich und qualitativ hochwertig vermitteln. In der Kategorie Text hat die Jury den Beitrag von Greta Friedrich „Koste es, was es wolle: Big-Tech-Unternehmen verschwenden mit ihren Investitionen Ressourcen“ ausgezeichnet, in der Kategorie Audio den Beitrag von Sarah Kriesche „Wie Algorithmen unser Leben formen“ und in der Kategorie Video den Beitrag von Julian Schmidli, Pascal Albisser, Keto Schumacher und Marina Kunz „Der toxische Sog der Manosphere“. Wir gratulieren herzlich.  weiterlesen

Zweiter Teil der Ehrenamts-Academy zum Thema Sponsoring und Partnerschaften. Am 20. Mai um 15 Uhr findet der zweite Workshop unserer Ehrenamts-Academy statt, in dem wir Ihnen einen Überblick über unterschiedliche Partnerschaftsformate geben werden und zeigen, wie GI-Gremien diese sinnvoll für ihre ehrenamtliche Arbeit nutzen können. Alexander Scheibe und Maximilian Weinl aus dem Veranstaltungsteam stehen für Fragen zur Verfügung. Die Zugangsdaten und weitere Informationen zu den kommenden Veranstaltungen der Ehrenamts-Academy finden Sie im Mitgliederbereich.  weiterlesen

 

Kennen Sie eigentlich den GI-Pressespiegel? Dort sammeln wir die Berichterstattung über unsere Fachgesellschaft in Zeitungs-, Radio- und Fernsehbeiträgen. Schauen Sie rein, es gibt da immer wieder Neues oder auch ältere Fundstücke.

FUNDSTÜCK

Clues by Sam. Das Spiel „Clues by Sam“ verbindet Logikrätsel mit einer angenehm reduzierten Oberfläche: Aus wenigen Hinweisen müssen nach und nach die richtigen Zuordnungen erschlossen werden. Das Prinzip erinnert an klassische Logikgitter, wirkt aber moderner und spielerischer. Gerade für Informatik-Interessierte ist das reizvoll, weil man beim Lösen fast automatisch über Constraints, Ausschlussverfahren und Suchräume nachdenkt – ohne dass das Spiel daraus eine Informatiklektion macht. Ein schöner Zeitvertreib für alle, die gerne systematisch knobeln.  Zum Fundstück (cluesbysam.com)

Dieses Fundstück hat unsere Leserin Mareike Lisker vorgeschlagen. Vielen Dank! Welches Fundstück hat Sie zuletzt inspiriert? Senden Sie uns Ihre Ideen!

 

Dies war Ausgabe 401 des GI-Radars vom 15. Mai 2026. Zusammengestellt hat diese Ausgabe Dominik Herrmann, der sein Smartphone beim Schreiben dieser Ausgabe lieber nicht aufgeräumt hat. Die Kurzmitteilungen und die GI-Meldungen hat GI-Geschäftsführerin Cornelia Winter zusammengetragen. Das nächste Radar erscheint am 29. Mai 2026.

Im GI-Radar berichten wir alle zwei Wochen über ausgewählte Informatik-Themen. Wir sind sehr an Ihrer Meinung interessiert. Für Anregungen und Kritik haben wir ein offenes Ohr, entweder per E-Mail (redaktion@gi-radar.de) oder über das Feedback-Formular bei SurveyMonkey.