GI-Radar 402: Die Digitalisierung hat viele Zentren

 

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe geht es um den Wettlauf von Hase und Igel bei der Entwicklung abhörsicherer Kommunikationstechnik, die Geschichte und den Niedergang der SMS, die Hightech-Agenda der Bundesregierung und den Diebstahl von Gesundheitsdaten aus Krankenhäusern. Das Thema im Fokus behandelt die verschiedenen Zentren der globalen Digitalisierung. In den GI-Meldungen bieten wir Ihnen unsere Ethischen Leitlinien als Poster, Werbematerial für GI-Veranstaltungen sowie besondere Teampakete für korporative Mitglieder mit vergünstigten Mitgliedschaften an. Das Fundstück ist ein Browserspiel in einer kleinen Welt.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß mit dieser Ausgabe.

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Quantenphysik + SMS + Hightech-Agenda + Angriff auf Krankenhäuser + Zentren globaler Digitalisierung + Ethische Leitlinien als Plakat + GI-Werbematerial + Teampakete für korporative Mitglieder + Messenger

KURZMITTEILUNGEN

Quantenphysik und Abhörsicherheit (ZEIT). Geheimhaltung und Ausspähung: ein Wettlauf von Hase und Igel. In der Wissenschaft wird versucht, Kommunikation abhörsicher zu machen und mithilfe von starker Verschlüsselung die Vertraulichkeit von Daten zu gewährleisten. Tatsächlich entwickeln sich Technik und Fähigkeiten mitunter fast genauso schnell. Es stellt sich die Frage, wer hier das Rennen gewinnt. Nun scheint sich über Quantenphysik und Licht eine Technik zu entwickeln, die möglicherweise sicher sein kann.  weiterlesen

Es war einmal … die SMS (Spiegel). 60 Milliarden SMS wurden zu Hochzeiten der Short Messages (SMS) pro Jahr verschickt. Mittlerweile sind es nur noch knapp drei Milliarden jährlich. Immerhin, mag man meinen in Zeiten von Messengerdiensten. Dennoch hat die SMS seinerzeit das Kommunikationsverhalten revolutioniert. Wie bekommt man in 160 Zeichen das Wichtigste hinein? Kreativität war angesagt. Nun gehen ganze Geschichten und Sprachmitteilungen über andere Dienste. Auch das Festnetztelefon scheint ein Auslaufmodell zu sein.  weiterlesen

Hightech-Agenda der Bundesregierung vorgestellt (Forschung & Lehre). Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat in Kooperation mit den Ländern die Hightech-Agenda der Bundesregierung in den sechs Schlüsseltechnologien Künstliche Intelligenz (KI), Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und Batterietechnologie erarbeitet und vorgestellt. Für jedes Teilgebiet gibt es einen Fahrplan, der kontinuierlich weiterentwickelt werden soll.  weiterlesen

Gesundheitsdaten aus Krankenhäusern entwendet (NDR). In verschiedenen Universitätskliniken sind Gesundheitsdaten entwendet worden. Es scheint, als seien nicht die Server der Kliniken, sondern die externer Dienstleister angegriffen worden, die Abrechnungen übernehmen. Nun werden die Krankenhäuser erpresst.  weiterlesen

THEMA IM FOKUS

Die globale Digitalisierung hat viele Zentren. Oftmals staunen wir noch immer, wenn der Stanford-AI-Index zeigt, dass China und die USA mittlerweile gleichauf sind, wobei China sich deutlich dynamischer entwickelt. Oder dass Indien längst nicht mehr nur Offshore-Partner ist, sondern bei Zukunftstechnologien zur Weltspitze gehört – und jährlich 2,5 Millionen junge Menschen in MINT-Fächern ausbildet. All diese Fakten sind in den Jahresberichten der ITU, Weltbank und OECD nachzulesen. Aber welche Eindrücke gewinnt man, wenn man wie der Autor mit dem Rennrad 43 Länder mit 36 Landessprachen bereist, um ganz nahe bei der Bevölkerung die Veränderungen durch Digitalisierung zu verstehen? 

Alles ist anders, wenn man wirklich dort ist. Am Harbin Institute of Technology, einer der führenden technischen Universitäten der Welt, bringt ein humanoider Roboter das Frühstück. Wenige Kilometer davon entfernt stehen Bäuerinnen und Bauern mit ihren Gummistiefeln tief gebückt im Reisfeld und zupfen zehn Stunden am Tag an den Pflanzen. Gleich daneben rasen Züge mit 400 km/h durch die Landschaft. Das chinesische Hochgeschwindigkeitsnetz umfasste zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele im Jahr 2008 noch 672 Kilometer, heute erstreckt es sich über mehr als 50.000 Kilometer und wird voll digital gesteuert. Am heimischen Schreibtisch kämpft man hingegen in den statistischen Handbüchern mit den Tücken der aggregierten Größen. 

Beachten des soziokulturellen Kontexts ermöglicht ein Verstehen. An der Nordspitze Südkoreas, nahe der demilitarisierten Zone zu Nordkorea, liegt in Paju die „Display City“ von LG. Das Unternehmen besitzt bei großformatigen OLED-Bildschirmen einen Weltmarktanteil von 75 %. In einem vom Fortschritt weitgehend unberührten Dorf an der Südspitze des Landes lacht eine Einheimische bei der Frage, ob es sicher sei, das Quartier vor Sonnenaufgang zu verlassen. Sie zeigt die Unmengen an Überwachungskameras und meint, Südkorea sei ein sicheres Land.

Seit seinem Launch im Jänner 2025 sorgt das chinesische LLM „DeepSeek“ für Verstörung. Es wurde fast ausschließlich von seinem privaten Eigentümer Liang Wenfeng und dessen Hedgefonds finanziert, was einen forschungsorientierten Ansatz ohne Druck externer Investoren ermöglichte. Durch die konsequent auf Effizienz ausgelegten technologischen Innovationen konnte es innerhalb von zwei Jahren mit einem Bruchteil der Kosten, die US-amerikanische LLMs verursachten, entwickelt und trainiert werden. Es ist zum Teil Open Source und verfolgt eine Open-Weight-Policy. Dadurch ist es wesentlich transparenter und offener als US-Systeme und ermöglicht das lokale Hosting. Im Mai 2026 wurde bekannt, dass V4 ausschließlich mit Huawei-Chips trainiert wurde und keine Abhängigkeit mehr von Nvidia-Hardware besteht. 

Das scheinbar Widersprüchliche rund um DeepSeek kann man viel besser verstehen, wenn man Chinas sozioökonomischen Kontext beachtet. Er ist von drei Faktoren geprägt, die oft unvereinbar scheinen: Zunächst vom autochthonen Konfuzianismus, der das Wohl der Gemeinschaft über die Interessen des Einzelnen stellt. Hierzu kommen zwei aus Europa importierte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen. Der Kommunismus spiegelt sich in der autoritären Einparteienregierung wider und der Kapitalismus darin, dass die Staatsquote, der Anteil des Staates am Bruttoinlandsprodukt, und die Steuer- und Abgabenquote deutlich geringer sind als in Europa. Auch zu berücksichtigen ist, dass sich in den letzten vierzig Jahren das Realeinkommen pro Kopf alle zehn Jahre verdoppelte.

Entwicklungspfade verlaufen sehr unterschiedlich. Die junge Generation im Himalaja-Königreich Bhutan ist die erste, die mehrheitlich eine Schulbildung genießt. Viele der Eltern arbeiten noch immer den ganzen Tag auf dem Feld. Bis zum Jahr 1999 waren das Fernsehen und die Mobilkommunikation im ganzen Land verboten. Heute begegnet man kaum in einem anderen Land so vielen Menschen, die ununterbrochen auf ihr Mobiltelefon schauen. TV-Geräte sieht man hier und da noch, allerdings fast immer abgeschaltet. Diese Technologie wurde im Sinne des Leapfrogging einfach übersprungen. Vor drei Jahren wurde die Bhutan National Digital Identity vorgestellt. Das weltweit erste, flächendeckende nationale Identitätssystem, das vollständig auf einer Self-Sovereign Identity (SSI) basiert. Persönliche Informationen werden nicht in einer zentralen Datenbank gespeichert, sondern auf Basis der Ethereum-Blockchain am eigenen Smartphone. Das Projekt wird von der königlichen Familie im Rahmen von „Digital Drukyul“ (Digitales Bhutan) vorangetrieben. Der erst achtjährige Kronprinz Jigme Namgyel Wangchuck wurde symbolisch als erster Bürger registriert, um das Vertrauen in die neue Technologie zu stärken.

Besonders ausgeprägt ist Leapfrogging in afrikanischen Ländern. Kenia ist mit M-Pesa führend im Bereich des Mobile Payments, das klassische Finanzdienstleister überspringt. Eine starke Startup-Szene ist in Nigeria anzutreffen. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 18 Jahren, während es in Europa mittlerweile über 40 Jahre beträgt. Ein Zusammenhang mit der Innovationsbereitschaft ist unübersehbar. In Ruanda wirkte die ausführliche Erklärung der Toilettenspülung im Zimmer zunächst ungewöhnlich. Noch bemerkenswerter war jedoch, dass der Gastgeber dabei zwei Smartphones mit Solarkollektoren bei sich hatte. Das Mobilfunknetz sei viel zuverlässiger als die lokale Stromversorgung. Es ist wohl gut, dass die Entwicklungen auch in der Digitalisierung sehr unterschiedlich verlaufen und keinesfalls als linearer Entwicklungspfad gesehen werden sollten. Würde Afrika so leben wie Europa, müsste Europa so leben wie Afrika. Mehr geben die Ressourcen des Raumschiffs Erde nicht her.

Abbau von Stereotypen ermöglicht Zusammenarbeit und Erfolg im Wettbewerb. Medienwissenschaftliche Analysen kommen zum Ergebnis, dass die Auslandsberichterstattung europäischer Medien, vor allem über China, häufig stereotypisch verzerrt und einseitig ist. Oft scheinen Aussagen noch vom simplen Blockdenken und dem Kampf der Systeme aus der Zeit des Kalten Krieges geprägt zu sein. Mittlerweile ändert sich das jedoch. Das Handelsblatt rief unlängst dazu auf, dass die deutsche Automobilindustrie aufhören müsse, die chinesische schlechtzureden, und stattdessen von ihr lernen solle. Und die Süddeutsche Zeitung meint in einem großen Beitrag zur China-Kompetenz, dass Deutschland sich stärker darum bemühen müsse, das Land besser zu verstehen. Hier sei auf die Tücken des Wortes „verstehen“ in der deutschen Sprache hingewiesen. Einmal meint es die eigene Fähigkeit, die Beweggründe von jemand anderem oder die Funktionsweise eines Systems nachvollziehen zu können. Dann aber wieder das Gutheißen vor dem eigenen soziokulturellen Hintergrund.

Betrachtet man die Schnittmenge aus den Entwicklungen der Wirtschaftsleistung pro Kopf, dem ICT-Development-Index der ITU und der Position im Demokratie-Index des britischen Economist, erkennt man bald, dass ein stereotypisches Denken in Blöcken besser der Vergangenheit angehören sollte. Erst recht zu dieser Einsicht kommt man als aufmerksamer Beobachter der aktuellen disruptiven geopolitischen Veränderungen. Hier scheint jedenfalls die Wirtschaft wesentlich mehr im Sinne der zielgerichteten Kooperationen bei gleichzeitigem Wettbewerb, der Coopetition, zu handeln, als es die mediale und politische Darstellung vermuten lässt. Apple bezieht 85 % seiner Bildschirme vom größten Mitbewerber Samsung. Das Handelsblatt berichtete unlängst, dass VW, Mercedes und BMW versuchen, ihren Abwärtstrend zu stoppen, indem sie in China, für China und mit China Autos bauen. Auch weil dies seitens des Landes aufgrund von Sicherheitsüberlegungen für den größten Automarkt der Welt gefordert wird. Als Kooperationspartner bleibt Europa vor allem dann interessant, wenn es starke Kernkompetenzen aufweist. Diese Coopetition stellt eine Alternative zu nationalem Isolationismus, gepaart mit Schlechtreden des anderen, dar. Er würde aus ökonomischer Sicht unweigerlich zu einem massiven Wohlstandsverlust führen.

Beides scheint notwendig: Erfolg im Wettbewerb und gezielte Zusammenarbeit, damit Europa in der Lage ist, seine demokratische Verfassung und seinen materiellen Wohlstand zu erhalten und vielleicht sogar auszubauen. Die Informatik kann hierbei einen wesentlichen Beitrag leisten.

Vielen Dank für diesen Beitrag an Otto Petrovic. Er ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Karl-Franzens-Universität Graz und arbeitet an internationalen Fragen der Digitalisierung. Er hatte Gastprofessuren u. a. in Harbin (China), Tokio (Japan), Seoul (Südkorea) und Tucson (USA) inne, leitete zehn große Forschungsprojekte der Europäischen Union, wurde von der Österreichischen Bundesregierung zum Mitglied der Telekom-Control-Kommission ernannt und arbeitete in Beiräten des Deutschen Ministeriums für Wirtschaft und Technologie. Im Jahr 2024 erhielt er den Ars-Docendi-Preis der Republik Österreich für exzellente Lehre.

GI-MELDUNGEN

Ethische Leitlinien der GI als Plakat. Wissen Sie, dass die GI Ethische Leitlinien herausgegeben hat als Orientierung für unsere Mitglieder im fachlichen Umfeld? Wir bieten diese einerseits als Flyer an, andererseits jedoch auch als DIN-A3-Poster. Falls Sie dieses in Ihrem Unternehmen oder Ihrer Hochschule aushängen möchten, senden wir Ihnen gerne einige Exemplare zu. Mail an die Geschäftsstelle reicht.  weiterlesen

Werbematerial für GI-Tagungen. Falls Sie eine Tagung oder einen Workshop der GI organisieren und GI-Werbematerial brauchen, sind wir Ihnen gerne behilflich. Wir bieten Flyer, Poster, Aufkleber, Bleistifte und Blöcke zum Versand. Bitte nennen Sie uns die Tagung und Stückzahl des gewünschten Materials sowie eine Versandadresse.  weiterlesen

Teampakete für korporative Mitglieder. Ab Juni bis zum Jahresende 2026 können korporative Mitglieder Gruppenkontingente für ordentliche Mitgliedschaften zu Sonderkonditionen erwerben. Teammitglieder profitieren von allen Vorteilen einer ordentlichen GI-Mitgliedschaft: von exklusiven Fachveranstaltungen über Netzwerkzugang bis hin zu Rabatten auf Publikationen und Weiterbildungen. Gleichzeitig stärken die korporativen Mitglieder so ihre Sichtbarkeit in der größten Informatik-Gemeinschaft im deutschsprachigen Raum.  weiterlesen

 

Kennen Sie eigentlich den GI-Pressespiegel? Dort sammeln wir die Berichterstattung über unsere Fachgesellschaft in Zeitungs-, Radio- und Fernsehbeiträgen. Schauen Sie rein, es gibt da immer wieder Neues oder auch ältere Fundstücke.

FUNDSTÜCK

Messenger: Ein Spiel auf einer winzigen Kugelwelt. Im heutigen Fundstück trägt man als junger Bote Briefe und Pakete an die Bewohner eines winzigen Planeten aus – kostenlos, direkt im Browser, auf Desktop wie Smartphone. Der Reiz für ein Informatik-Publikum liegt unter der Oberfläche: Die Welt ist eine echte Kugel, man läuft in eine beliebige Richtung und kommt am Ausgangspunkt wieder an. Das erzwingt reizvolle Lösungen – eine Kamera, die den Spieler aus jedem Winkel handhabt, eine Physik mit konstanter Anziehung zum Planetenkern und Objekte, die auf der gekrümmten Oberfläche aufrecht stehen. Umgesetzt ist das Ganze in Three.js und Vanilla-JavaScript. Ein sehenswertes Lehrstück dafür, wie viel Engineering in einem vermeintlich beiläufigen Browserspiel steckt.  Zum Fundstück (messenger.abeto.co)

Welches Fundstück hat Sie zuletzt inspiriert? Senden Sie uns Ihre Ideen!

 

Dies war Ausgabe 402 des GI-Radars vom 29. Mai 2026. Zusammengestellt hat diese Ausgabe Dominik Herrmann, der sich jetzt auf seine einwöchige Auszeit freut, ganz ohne Informatik und ohne aktuelles Tagesgeschehen. Die Kurzmitteilungen und die GI-Meldungen hat GI-Geschäftsführerin Cornelia Winter zusammengetragen. Das nächste Radar erscheint am 12. Juni 2026.

Im GI-Radar berichten wir alle zwei Wochen über ausgewählte Informatik-Themen. Wir sind sehr an Ihrer Meinung interessiert. Für Anregungen und Kritik haben wir ein offenes Ohr, entweder per E-Mail (redaktion@gi-radar.de) oder über das Feedback-Formular bei SurveyMonkey.