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Liebe Leserinnen und Leser,
in dieser Ausgabe geht es darum, wie viel Lebenszeit wir online statt offline verbringen, wie Sensoren bei der Verkehrsplanung helfen, warum viele Unternehmen nur unzureichend gegen digitale Angriffe geschützt sind, welche Ausmaße der Ressourcenverbrauch von Rechenzentren künftig annimmt und was es mit dem geplanten Sicherheitsinstitut für KI auf sich hat. Das Thema im Fokus beleuchtet die Entwicklung von Rechnern in Ost und West. In den GI-Meldungen berichten wir Ihnen von der Sitzung des Fachbereichs Informatik und Gesellschaft, laden Sie zur diesjährigen Mitgliederversammlung in Dresden ein, erzählen von der Jahresversammlung unserer assoziierten Gesellschaft German Chapter of the ACM und weisen Sie auf die Festveranstaltung zu 100 Jahren Carl Adam Petri hin. Im Fundstück können Sie diesmal spielerisch Mengenlehre betreiben.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß mit dieser Ausgabe.
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offline + Straßenplanung + Sicherheitslücken + Ressourcenverbrauch von Rechenzentren + Sicherheitsinstitut für KI + Computer in Ost und West + FB IUG + GI-Mitgliederversammlung + Digitale Souveränität beim GChACM + 100 Jahre Carl Adam Petri + Boolean Game
KURZMITTEILUNGEN
Weniger online, mehr offline (Spiegel). Jahrelang ist die online verbrachte Zeit hierzulande gestiegen – nun geht sie laut einer Studie spürbar zurück. Im Schnitt verbringen die Menschen in Deutschland in diesem Jahr rund fünf Stunden pro Woche weniger im Netz als im vergangenen Jahr. Die gewonnene Zeit fließt vor allem in Familie, Freundeskreis und Hobbys. weiterlesen
Sensoren für die Verkehrsplanung (Golem). Die Stadtverwaltung von New York stattet Straßen mit Sensoren aus, um Verkehrsflüsse zu analysieren und das Straßendesign gegebenenfalls an das Nutzungsverhalten der Bevölkerung anzupassen. Beobachtet wird beispielsweise, wo Straßen überquert werden und wo nicht. Die Erkenntnisse sollen in die Stadtplanung einfließen. weiterlesen
Sicherheitsmaßnahmen in Unternehmen unzureichend (Computerwoche). Laut einer Studie halten viele Sicherheitsverantwortliche die Schutzvorkehrungen im eigenen Unternehmen für unzureichend; ein Drittel der Befragten gab dies an. Sechs Sicherheitslücken, von der Technik bis zum Sicherheitsbewusstsein der Beschäftigten, seien besonders kritisch. weiterlesen
Ressourcenverbrauch und Verantwortung von Rechenzentren (Netzpolitik). Eine neue Studie beziffert den Energie- und Wasserverbrauch sowie den CO2-Ausstoß von Rechenzentren. Im vergangenen Jahr entfielen bereits rund 20 Prozent des Ressourcenverbrauchs auf KI-Anwendungen, und dieser Anteil dürfte sich in Kürze verdoppeln. Es stellt sich die Frage, wie sich gegensteuern lässt und wer in der Verantwortung steht: die Unternehmen, die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer oder die Entwicklungsabteilungen? weiterlesen
Sicherheitsinstitut für KI in Deutschland (Zeit). Die Bundesregierung hat angekündigt, ein eigenes Sicherheitsinstitut für Künstliche Intelligenz zu gründen. Bislang hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) KI-Fragen mitbehandelt. Angesichts der zunehmenden Komplexität des Themas soll sich das neue Institut mit anderen Ländern vernetzen, eigene Expertise aufbauen und übergreifende Standards entwickeln. weiterlesen
THEMA IM FOKUS
Computer in Deutschland. Am 9. April 2025 wäre Heinz Nixdorf 100 Jahre alt geworden. Der Paderborner Computerunternehmer steht paradigmatisch für die Digitalgeschichte Deutschlands. Die Szene bezeichnete den gefeierten Unternehmer lange Zeit als „deutschen Steve Jobs“. Er hatte es geschafft, aus einem kleinen Labor für Impulstechnik einen der 20 größten Computerhersteller der Welt (hnf.de) aufzubauen – im beschaulichen Paderborn. Seine Rechner liefen in der Energieindustrie, in Sparkassen, in Versicherungen und in vielen anderen kleinen und mittelständischen Unternehmen. Was zeichnet „deutsche“ Computer dabei eigentlich aus, und welche Bedingungen lagen historisch in Deutschland für den Computerbau und -einsatz vor? Gab es Unterschiede zwischen der Bundesrepublik und der DDR? Der Blick zurück hilft uns dabei, die gegenwärtigen Debatten um nationale digitale Souveränität und die Konsequenzen von Chipproduktion „made in Germany“ besser einzuordnen. Daher organisierte die GI-Fachgruppe Informatik- und Computergeschichte gemeinsam mit dem Historischen Institut der Universität Paderborn und dem Heinz Nixdorf MuseumsForum am 7. und 8. November 2025 eine Tagung zu diesem Thema, die den Schwerpunkt dieser Ausgabe bildet.
In den letzten Jahren hat die historische und medienarchäologische Forschung zu Computereinsatz und -bau in Deutschland einen gehörigen Schub erfahren. Aufbauend auf den Arbeiten aus den 1980er- und 1990er-Jahren, den kenntnisreichen Berichten von Zeitzeug*innen und einer hardwarenahen Betrachtung nehmen Wissenschaft und Vermittlung jüngst Fragen von Alltags- und Arbeitskultur, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung in deutsch-deutscher Perspektive (digital-inequalities.com), Bildung sowie Umwelt in globalen Zusammenhängen in den Blick – und das über den gesamten Produktzyklus hinweg. Hinzu kamen auf der Tagung neue Themen wie digitale Souveränität (gi.de), Mobilität bzw. Mobile Computing, Künstliche Intelligenz, World Wide Web, Soziale Medien (bpb.de) oder Bildverarbeitung. Nicht mehr der Computer selbst wird als das Novum ausgemacht, sondern seine Verbreitung, kulturelle Einbettung und Wirkung jenseits simplifizierender deterministischer Annahmen.
Regionale und lokale Zusammenhänge. Beispielsweise ist der Computereinsatz in Städten wie Gütersloh, Regionen wie Westfalen oder dem Ruhrgebiet als industrieller Herzkammer Europas besonders aufschlussreich, wie die Keynote der Tagung von Malte Thießen darlegte. So eignet sich das Ruhrgebiet wie ein Brennglas, um die Geschichte der Digitalisierung zu schreiben (youtu.be): Hier gründete Heinz Nixdorf 1952, in der Blütezeit der Hochindustrialisierung, sein Labor für Impulstechnik bei RWE, und hier entstand mit mbp (de.wikipedia.org) eines der ersten Softwarehäuser Europas; hier schlug aber auch der Strukturwandel besonders hart durch, und die Gewerkschaften wehrten sich heftig gegen Computereinführungen, da Computer in der Bundesrepublik auch als Jobkiller galten. Letztlich entwickelten sich die Computer aber zu einer Art Rettungsring, der Hoffnung auf neues Wirtschaftswachstum schürte. Das reicht bis hin zu neuen, digitalen Selbstentwürfen der Region in den sozialen Medien.
Digitalisierung und Umwelt. Mit dem Computereinsatz ergaben sich über die Zeit gehörige Umweltwechselwirkungen (uni-paderborn.de), während das Ruhrgebiet eigentlich auf eine „grüne Technologie“ gehofft hatte. Dies thematisierte ein Panel der Tagung, unter anderem die Frage, welche Materialien in Deutschland eigentlich notwendig waren, um Computer zu produzieren. Beispielsweise Glimmer (de.wikipedia.org), der lange als das perfekte Wundermaterial zur Isolation und Beschichtung in der Mikroelektronik eingesetzt wurde – in den besten Sorten aber oftmals nur in Indien, China oder Brasilien vorkam. Computer in Deutschland waren also immer auch ein gutes Stück Globalisierungsgeschichte. Und was passierte eigentlich mit Computern, nachdem sie in Deutschland ausrangiert wurden? Häufig wurden die teuren Mainframes weiterverkauft, und es entstand ein volatiler Markt für Gebrauchtcomputer. Darin tummelten sich Firmen wie die ehemalige Computer Müller GmbH, die mit IBM-Altrechnern handelte, sich aber nur kurz auf dem Markt halten konnte.
Computer in Ostdeutschland. Solche Zweitnutzung lässt sich besonders in der ehemaligen DDR feststellen, wo Kombinate und staatliche Administration ihre Produktivität durch digitale Computer zu steigern suchten (lernort-garnisonkirche.de). Viele Fragen zur Digitalisierung und Informatik in Ostdeutschland sind bis heute unterbeleuchtet, daher widmete sich ihnen ein eigenes Panel der Tagung. Denn neben der Hochschulinformatik und ihrer interessanten Geschichte der Wiedervereinigung waren Computer in der DDR auch im Privaten nicht völlig fremd. Zwar ging ein Großteil der produzierten „Bürocomputer“ (BC statt PC) in die Industrie (youtube.com), das Basteln und Spielen an Westrechnern wurde vom Regime aber im Sinne der technischen Erziehung der Werktätigen geduldet. Und auch DDR-eigene Bausätze wurden programmiert und gelötet. Programmierer*innen hatten in der DDR dabei einen guten Stand, was den Blick auf digitale Ungleichheiten und Informatikbildung lenkt. Die Idee eines „Silicon Saxony“ aus den Ruinen Robotrons (robotrontechnik.de) ist bis heute eine ebenso attraktive Erzählung wie der IT-Standort Paderborn aus den Ruinen der Nixdorf Computer AG.
Themenpanorama und weitere Forschung. Die Tagung nahm noch eine ganze Reihe weiterer spannender Themen in den Blick, deren Panorama verdeutlicht, was „Computer in Deutschland“ bedeuteten: Sie kamen in der staatlichen Migrationsverwaltung genauso vor wie in vernetzten multinationalen Unternehmen. Die Arbeit am Bildschirm wurde aus Sicht des Arbeitsschutzes diskutiert, die Kritik Joseph Weizenbaums (jw.weizenbaum-institut.de) an der Künstlichen Intelligenz in den 1970ern im Lichte heutiger KI-Regulierungsversuche betrachtet. Auch die evangelische Kirche nutzte Computer, beispielsweise zur Mitgliederverwaltung. Die kybernetische Pädagogik brachte Helmar Frank in Paderborn voran, wo mit dem Heinz-Nixdorf-Institut (zenodo.org) in den 1980er-Jahren ein renommiertes Informatikforschungszentrum entstand. Konrad Zuse und die Wirkung seiner Computer in heutigen Museen wurden auf der Tagung ebenso diskutiert wie dessen Computerarchitektur, beispielsweise die Z1. Der neue Ausstellungsbereich des HNF zu Nixdorf (hnf.de) zeigt exemplarisch, wie sich Computer in Deutschland ausstellen lassen. Und auch wirtschaftsgeschichtlich lässt sich viel über Zuse, Strukturwandel und die mittlere Datentechnik lernen. Das vollständige Programm der Tagung bietet einen Überblick über die Referent*innen und weiterführende Themen (kw.uni-paderborn.de).
Wir danken Martin Schmitt, Stefan Höltgen und Michael Engel für diesen Beitrag. Sie engagieren sich in der GI als (ehemalige) Sprecher der Fachgruppe Informatik- und Computergeschichte (fg-infohist.gi.de) des Fachbereichs Informatik und Gesellschaft. Haben auch Sie ein Thema im Fokus, das Sie interessiert? Wir freuen uns auf Ihre Ideen!
GI-MELDUNGEN
Fachbereich Informatik und Gesellschaft (IUG). Am vergangenen Wochenende hat sich der Fachbereich Informatik und Gesellschaft in Berlin getroffen. Auf der Tagesordnung standen Alternativen zu kommerzieller Software, die Vernetzung auf dem Informatik Festival und die Gründung einer Fachgruppe zum Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit. weiterlesen
GI-Mitgliederversammlung 2026. In diesem Jahr findet die Ordentliche Mitgliederversammlung am Dienstag, dem 22. September, ab 16:00 Uhr beim Informatik Festival in Dresden statt. Einladung und Tagesordnung finden sich im Mitgliederbereich. weiterlesen
Digitale Souveränität beim German Chapter of the ACM (GChACM). Unsere assoziierte Gesellschaft GChACM hat auf ihrer Jahresversammlung das Thema digitale Souveränität diskutiert. Außerdem hat das GChACM den Sprecher des GI-Präsidiumsarbeitskreises Digitale Souveränität, Harald Wehnes, für seine Verdienste um das Thema mit dem Albert-Endres-Preis ausgezeichnet. Wir gratulieren! weiterlesen
100 Jahre Carl Adam Petri: Festveranstaltung. Carl Adam Petri, Namensgeber der gleichnamigen GI-Fachgruppe und Träger der Konrad-Zuse-Medaille, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass organisiert die Gesellschaft für Informatik ein Festkolloquium an der Universität Hamburg. weiterlesen
Kennen Sie eigentlich den GI-Pressespiegel? Dort sammeln wir die Berichterstattung über unsere Fachgesellschaft in Zeitungs-, Radio- und Fernsehbeiträgen. Schauen Sie rein, es gibt da immer wieder Neues oder auch ältere Fundstücke.
FUNDSTÜCK
Komplexe Formen aus simplen Bausteinen – per Mengenlehre. Aufmerksame Stammleserinnen und Stammleser erinnern sich vielleicht: In Ausgabe 339 haben wir Ihnen seinerzeit The Bézier Game empfohlen, ein Browser-Spiel zum Bändigen des Zeichenstift-Werkzeugs. Vom selben Autor stammt The Boolean Game – und es widmet sich der zweiten großen Disziplin der Vektorgrafik: den booleschen Operationen Vereinigung, Differenz, Schnitt und Ausschluss. In aufeinander aufbauenden Leveln gilt es, eine vorgegebene Zielform aus überlappenden Grundformen zu konstruieren, ausschließlich durch geschicktes Kombinieren mit eben jenen Operationen. Was Designerinnen und Designer als „Pathfinder“-Funktionen kennen, ist im Kern angewandte Mengenlehre – und das Spiel macht diese Verwandtschaft auf angenehm beiläufige Weise sichtbar. Anders als der Bézier-Vorgänger läuft es übrigens problemlos auf dem Smartphone, ideal also für die nächste etwas zähere Sitzung. Zum Fundstück (boolean.method.ac)
Welches Fundstück hat Sie zuletzt inspiriert? Senden Sie uns Ihre Ideen!
Dies war Ausgabe 403 des GI-Radars vom 12. Juni 2026. Zusammengestellt hat diese Ausgabe Dominik Herrmann, der die fünf eingesparten Online-Stunden pro Woche eigentlich mit Familie und Hobbys verbringen wollte – sie dann aber restlos in The Boolean Game reinvestiert hat. Die Kurzmitteilungen und die GI-Meldungen hat GI-Geschäftsführerin Cornelia Winter zusammengetragen. Das nächste Radar erscheint am 26. Juni 2026.
Im GI-Radar berichten wir alle zwei Wochen über ausgewählte Informatik-Themen. Wir sind sehr an Ihrer Meinung interessiert. Für Anregungen und Kritik haben wir ein offenes Ohr, entweder per E-Mail (redaktion@gi-radar.de) oder über das Feedback-Formular bei SurveyMonkey.
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